Sprachpraxis II – Kurzgeschichten

Zwei unterschiedliche Lebensweisen

Ein junger Mann trat an Deck und fing an auf das Meer zu starren. Lange Zeit war sein Blick in die Ferne geheftet.

Ein alter Mann, der kurz zuvor gebetet hat, näherte sich dem jungen Mann und fragte ihn: „Was siehst du dort auf dem Meer?“ Der junge Mann blickte ihn kurz an und richtete seinen Blick wieder in die Ferne.
Nach einer Weile erwiderte der junge Mann: „Ich sehe einfach in die Ferne.“
Der alte Mann fragte weiter: „Und was siehst du dort?“
Die Augen des jungen Mannes, die mit Tränen gefüllt waren, leuchteten plötzlich auf. Nun fokussierte er seinen Blick auf den Himmel und die Wolken, die die Sonne versteckten. Er konnte nichts sagen.

Der alte Mann brach das Schweigen und sagte: „Die Ferne kann zwei Dinge bedeuten. Manchmal ist die Ferne die Träne in deinen Augen, manchmal ist sie die Sonne.“

Der junge Mann blickte ihn an.

Der alte Mann lehnte sich an die Reling, schaute nach unten in das Meer und fuhr fort: „Man sollte nie vergessen, den Blick zu senken, sonst nimmt man die Fische nicht wahr.“

Der junge Mann blickte ihn fragend und schon nervös an. „Was ist mit den Fischen, dem Plankton und was weiß ich womit noch?“
Der alte Mann erklärte: „Die Ferne kann uns locken. Sie ist vertraut mit unseren Tiefen, mit unserem Herzen.“
Der junge Mann sagte etwas ungeduldiger: „Aber du hast gesagt, dass die Ferne auch Sonne ist.“
„Ja“, sagte der alte Mann, „aber die Sonne ist nicht nur für dich da. Sie wärmt die Fische im Meer, mich und dich selbst und beleuchtet unsere Wege, so dass wir sehen, wo wir sind und wohin wir gehen sollten.“

Der junge Mann fragte ihn daraufhin: „Was siehst du denn in der Sonne?“

„Ich sehe in der Sonne meine Lieblingsfigur aus der berührendsten Liebesgeschichte, die ich je gelesen habe“, sagte der alte Mann.

Der junge Mann senkte seinen Blick auf das Buch, das der alte Mann in seinen Händen hielt und sah den Titel „Die Heilige Schrift“.

„Liebesgeschichte? Was?“, fragte der junge Mann erstaunt.

„Ja, genau“, fuhr der alte Mann fort, „meine Lieblingsfigur aus diesem Buch ließ für mich und für dich und für uns alle anderen Fische im Meer sein Leben…“

Mirela Ganić, 5. Studienjahr, Sommersemester 2017

 

Ich, er und wir

Halb drei. Er schreit und weint. ER schläft. Nur ich bin da. Ich bin immer da. Um ihn zu trösten, um ihn zu beruhigen.

Ich bin hier.

Halb vier. Wir sind im Wohnzimmer. Noch immer. Nur den Schein der Straßenlampe sehe ich durch das Fenster.

ER schläft.

ER schläft noch immer und wir sind ins Wohnzimmer gegangen, um ihn nicht aufzuwecken.

Ich singe. Ich spreche mit ihm schon seit zwei Stunden.

Lange Nacht. Bald ist es morgen.

Dann bin ich auch wieder da.

Um ihn zu trösten, mit ihm zu sprechen, um ihn zu lieben…

Nika Marijanović, 5. Studienjahr, Sommersemester 2017

 

Der Traum

Sommer. Touristen. Stau… Die Tage sind heiß und schwül. Nur wenig Wind spürt man auf der Haut. Die Kinder spielen auf der Straße und einige fahren ans Meer.

Nur zwei Studentinnen, Iva und Mia, sitzen im Zimmer eines Studentenwohnheims und lernen für die Prüfung. Beide erschöpft vom rasanten Tempo des Studentenlebens. Sie schauen in die Bücher.
Nach einiger Zeit bricht Iva die Stille und sagt: „Stell dir mal vor, Mia, wir beide wären jetzt auf einer Weltreise…“

Mia dachte kurz nach und antwortete dann, dass das sehr schön wäre. „Wir könnten viele neue Leute und verschiedene Kulturen kennenlernen. Wir könnten alles machen, nichts könnte uns zurückhalten. Keine Prüfungen, keine Verpflichtungen, keine Verbote…“

Iva versank in ihren Träumen und sann darüber nach, dass es dort bestimmt keine kleine Studentenbude geben würde, in der sie lernen müssten, nur Strand, Sonne, Meer, eine leichte Sommerbrise und einfach ganz viel Spaß. Weit weg von allem, von den Büchern, den Prüfungen, dem Stress… Oh, wie schön!

Plötzlich riss sie eine Stimme aus der Ferne aus ihren Träumen, es war Mia. Sie sagte: „Iva, es sind schon zwei Stunden verflogen, es wird Zeit weiterzulernen und die Realität zu akzeptieren.“ Schade!

Beide lernten daraufhin weiter bis sie müde und erschöpft ins Bett fielen.
Hier waren jetzt alle Träume möglich…

Dajana Baković, 5. Studienjahr, Sommersemester 2017

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